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Abschwung nur mit gebremstem Schaum

Der längste Aufschwung im vereinigten Deutschland wird derzeit ab-, aber längst nicht ausgebremst. So soll das BIP 2019 im Schnitt um 1,1 % und 2020 um 1,6 % wachsen. Dabei ändert sich die Dynamik kaum: Die höhere Jahresrate 2020 beruht stark auf der größeren Zahl an Arbeitstagen.

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Düsseldorf/D (IMK) – Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung senkt die Wachstumserwartung für 2019 um 0,6 Prozentpunkte, für 2020 geben die Düsseldorfer Konjunkturexperten erstmals eine Prognose ab. „Als exportorientiertes Land sind wir von der Abkühlung der Weltwirtschaft natürlich erheblich betroffen. Die deutsche Wirtschaft hat sich eine Erkältung geholt“, sagt Gustav Horn, der wissenschaftliche Direktor des IMK. „Aber gerade jetzt sieht man: Sie hat auch Widerstandkräfte gebildet. Gestützt auf höhere Löhne und mehr Jobs verhindert unsere Binnennachfrage bislang recht effektiv, dass aus dem Infekt eine Lungenentzündung wird. Eine ausgewogenere Verteilung der Einkommenszuwächse ist also auch ökonomisch sinnvoll. Auf diesem Weg sollten wir weitergehen.“

Dies werde unterstrichen durch das Ergebnis einer Risikosimulation. In ihrer Hauptprognose rechnen die Konjunkturforscher damit, dass es keinen „harten“ Brexit geben wird, sondern dass Großbritannien auf absehbare Zeit Mitglied in der europäischen Zollunion bleibt – dies sei das derzeit wahrscheinlichste Szenario. Alternativ hat das IMK aber auch durchgerechnet, was ein kurzfristiger Brexit „ohne Deal“ für die deutsche Wirtschaft bedeuten würde. Zusätzlich simulieren die Forscher, was passieren würde, wenn sich das Wachstum in China gleichzeitig noch stärker als bislang prognostiziert abschwächen und der Handelskonflikt zwischen den USA und der EU unerwartet zuspitzen sollte.

Das Ergebnis der Risikoprognose: Das Wachstum der deutschen Wirtschaft würde 2019 um 0,3 % schwächer ausfallen und somit 0,8 % statt 1,1 % betragen. 2020 würde das BIP nicht um 1,6 %, sondern nur um 1,0 % wachsen. Das sind laut IMK zwar spürbare, aber verkraftbare Einbußen. „Insbesondere für Deutschland zeigt sich trotz der realisierten außenwirtschaftlichen Risiken eine robuste Verfassung der Wirtschaft, die maßgeblich darauf zurückzuführen ist, dass die Wachstumskräfte der vergangenen Jahre stärker binnenwirtschaftlich ausgerichtet sind“, schreiben die Forscher.

Auch das Wachstum im Euroraum fällt niedriger aus als noch vor kurzem angenommen: 2019 wächst das BIP in der Währungsunion um 1,4 %, 2020 sind es 1,5 %. Unter der Voraussetzung, dass der Handelskonflikt zwischen Washington und Peking nicht eskaliert, wächst auch die Wirtschaft in den USA und China solide, aber weniger kräftig als erwartet. In anderen Schwellenländern ist das Bild uneinheitlich. Vor allem die Nachfrage nach Investitionsgütern, die oft aus Deutschland kommen, ist verhalten. Daher geht das IMK davon aus, dass die deutschen Ausfuhren in diesem Jahr um lediglich durchschnittlich 2,4 % wachsen werden. 2020 dürften die Exporte bei etwas anziehender Weltkonjunktur dann aber wieder um 4,5 % im Jahresmittel zulegen. Die Importe nehmen in diesem Jahr wegen der kräftigen Konsumnachfrage um durchschnittlich 4,7 % zu, 2020 dann um 5,6 %. Der hohe deutsche Leistungsbilanzüberschuss wird damit leicht sinken, der Wachstumsbeitrag des Außenhandels ist negativ.

www.imk-boeckler.de